Heinrich Steinfests Roman 'Gewitter über Pluto'

Vom Pornodarsteller zum lieben Ehemann: Steinfests Fantasie und seine satirischen Betrachtungen sind witzig und unterhaltend.

Wenn ein sanftmütiger Pornodarsteller einen Wollladen eröffnet, kann das nicht mit rechten Dingen zugehen. Die Situation ist so ungewöhnlich, dass sich dem Romanleser ein wilder Genremix aus Krimi, Science Fiction und Liebesroman bietet. Heinrich Steinfest verwendet eigenwillige Konstellationen, baut eigenartige Zufälle und Rätsel ein, die den Roman spannend, witzig, unterhaltsam machen. Besonders im ersten Drittel, in dem ein ermordeter und ein lebendiger Archäologe vorkommen, will man dieses Buch verschlingen. Steinfests Stärken liegen in witzigen Metaphern. Wenn er beklagt, dass alles durch den Fortschritt immer besser wird, außer den Brötchen, die nach Zweitem Weltkrieg schmecken, dann möchte man sofort die nächste Bäckereikettenfiliale stürmen und strammstehend Ersatz-Brötchen ordern.

Heldenhafte Charaktere

Lorenz Mohn, die Hauptfigur, ist ein ungewöhnlicher Held, dessen Sympathiewerte allerdings mit einer beträchtlichen Naivität in Zusammenhang stehen. Im Laufe des Romans merkt jede Leserin, dass sich der Traum vom Traummann besser nicht erfüllen sollte: Gutaussehend, sensibel, treu und obendrein mit einem guten Charakter ausgestattet – jenseits des Groschenromans kann das nur in die Hose gehen. Auch andere Figuren in diesem Roman sind Ausnahmemenschen, was ein wenig zu dick aufgetragen und zugleich ungenau wirkt. Ein bisschen wie in griechischen Tragödien, in denen eher Typen als Menschen aus Fleisch und Blut spielen. Andererseits haben diese widersprüchlichen Charakterkombinationen einen gewissen Reiz: Ein schöngeistiger Killer ist ein schöner Geistesblitz.

Lokalkolorit

Das Buch spielt in Stuttgart und Wien. Während die Schwabenmetropole außergewöhnlich gut hinwegkommt - Steinfest lebt in Stuttgart, hat also seine Gründe - ballert er Wien mit den üblichen Klischees zu: Arroganz, Morbidität und Korruption. Hin und wieder helfen Klischees, eine Atmosphäre zu skizzieren. Dieses Skizzenhafte wird nicht mit Atmosphäre gefüllt, da die Hauptpersonen entweder gar keine Wiener oder keine typischen Wiener sind.

Gordische Knoten

Vermutete Zusammenhänge und ungelöste Rätsel bilden die postmoderne Komponente des Buches (oder ist es nur ein Spannung erzeugender Trick?): Der Autor ist der allwissende, gottgleiche Erzähler, der sich obendrein gläubige Protagonisten erschuf und ihnen, als sei es nichts als ein Experiment, einige unlösbare Rätsel zuwirft. So debattieren Lorenz Mohn und der griechisch-englische Detektiv in Diensten Österreichs darüber, wie es wohl wäre, sich in einem Roman zu befinden: „Ich frage mich, ob es uns als Romanfiguren möglich ist, den Autor und sein Schreiben zu beeinflussen.“ Während der Kriminalist sich an die Zusammenhänge klammert, einfach weil es sein Job ist, nach Zusammenhängen zu suchen, betrachtet Lorenz Mohn das wiederkehrende Motiv nur als ästhetische Spielerei. Wer von beiden Recht hat, ahnt man erst am Ende, das weder offen, noch eindeutig ist. Die Literaturwissenschaft wird sich darüber streiten, ob man von einem plutonischen oder steinfesten Ende sprechen wird.

Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto. Piper Verlag, München. 2009. 19,95 Euro

Cosima Joerger-Friocourt, Simone Ruckstuhl

Cosima Joerger-Friocourt - Lektorin und Projektmanagerin Ich laufe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, lese viel und interessiere mich für eine ...

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